Erstellt am: 12.10.2003
Letzte Änderung am:
16.09.2003
Brittle-Diabetes - Wenn der Blutzucker scheinbar ohne Grund schwankt
Sie achten auf Ihre Ernährung, halten sich streng an die mühsam eingestellte Insulin-Therapie, und trotzdem brechen die Blutzuckerwerte ohne erkennbaren Grund immer wieder aus? Es könnte sein, dass Sie unter schwer einstellbarem bzw. "labilem" Diabetes leiden, auch "Brittle-Diabetes" genannt
Es kann aber auch sein, dass die starken Blutzuckerschwankungen andere, erklärbare Ursachen haben.
Es wird oft argumentiert, dass es "Brittle-Diabetes", also den sehr
instabilen Typ-1-Diabetes, dessen starke Blutzuckerschwankungen
mitunter unerklärlich sind, heute eigentlich nicht mehr gibt - oder
vielmehr nicht mehr geben darf, da es mit der heutigen intensivierten
Therapie möglich ist, den Diabetes sehr gut einzustellen. Starken
Schwankungen lägen Fehler entweder des Patienten oder des Diabetologen
bzw. Arztes zugrunde. Dennoch gibt es auch Diabetiker, deren Diabetes
streng kontrolliert ist, die sich an sämtliche Vorschriften halten und
ihre Therapie gewissenhaft durchführen, die aber trotzdem unter
häufigen Hypo- oder Hyperglykämien leiden - oft aus heiterem Himmel
heraus und ohne nachvollziehbaren Auslöser.
Man muss also die Diabetiker mit unkontrollierten
Blutzuckerschwankungen aufteilen in diejenigen, deren Diabetes einfach
schlecht oder falsch eingestellt ist, diejenigen, bei denen die
Schwankungen andere gesundheitliche Ursachen haben, und letztlich die,
deren Diabetes tatsächlich "Brittle-Diabetes" zu nennen ist, weil er
ohne erklärbare Ursachen instabil bleibt und keinem Muster folgt.
Was ist eigentlich "Brittle-Diabetes"?
Das englische Wort "brittle" - sprich "brittel" - bedeutet "spröde",
"zerbrechlich" oder "instabil" und beschreibt damit die Eigenschaften
des schwer einstellbaren Typ-1-Diabetes. Diese Form drückt sich aus in
häufigeren, oft schweren Hypoglykämien, die vom Patienten nicht
wahrgenommen werden (d.h. die der Hypoglykämie vorangehenden
Warnsignale des Körpers werden nicht erkannt), in starken
Hyperglykämien trotz hoher Insulindosen, oder in beidem - der Patient
hat unerklärliche Über- und Unterzuckerungen. Welche Ursachen für diese
Schwankungen liegen im Bereich der Erklärbaren?
- Das Dawn-Phänomen: Kennen Sie das auch? Morgens ist der Blutzucker
unerklärlich hoch, dabei war er doch bei der letzten Messung um
Mitternacht noch so gut! Dieses sogenannte Dawn-Phänomen, also
"Morgendämmerungs-Phänomen", ist bei Diabetikern nicht selten. Die
Ursache liegt in der vermehrten Ausschüttung von verschiedenen Hormonen
in der Nacht und am frühen Morgen. Diese erhöhen die Zuckerfreisetzung
aus der Leber und setzen die Empfindlichkeit des Körpers gegen Insulin
herab. Es kann auch sein, dass die Abenddosis an Insulin zu gering war.
Die Blutzuckereinstellung beim Dawn-Phänomen kann schwierig sein, unter
Umständen hilft Verzögerungsinsulin, welches kurz vor dem Zubettgehen
gespritzt wird. Es ist sinnvoll, einige Zeit lang auch nachts mehrere
Blutzuckermessungen durchzuführen, um den Blutzucker genau zu
beobachten. In manchen Fällen kann eine Insulinpumpe die Lösung für Sie
sein, da diese in der Nacht gleichmäßig Insulin an den Körper abgibt.
- Das Somogyi-Phänomen: Benannt nach seinem Entdecker, äußert
sich dieses Phänomen in der Gegenregulation des Körpers nach einer
Unterzuckerung - durch körpereigene Ausschüttung von Glukagon steigt
der Blutzucker an, was zu einem "Über-das-Ziel-Hinausschießen" und
damit zu einer Hyperglykämie führen kann. Die Gegenregulation des
Körpers ist bei Nicht-Diabetikern und Diabetikern eine normale
Reaktion, allerdings kann sie bei Typ-1-Diabetikern gestört sein. Der
Somogyi-Effekt wird von manchen Wissenschaftlern heute als wenig
relevant eingeschätzt.
- Andere, an und für sich banale Unregelmäßigkeiten, die dem Patienten unter Umständen nicht bewusst sind, zum Beispiel:
- Das gespritzte Insulin
wird unterschiedlich schnell vom Körper resorbiert.
Dies kann zum Beispiel an der Spitzstelle liegen - im subkutanen
Fettgewebe am Bauch wird Insulin schneller aufgenommen als
beispielsweise an den Oberschenkeln. Da Sie ohnehin die Spritzstelle
bei jeder Injektion wechseln sollten, achten Sie doch einfach mal
darauf, ob andere Stellen sich unterschiedlich auf Ihre Blutzuckerwerte
auswirken!
- Ohne dass Sie es merken, unterscheidet sich die Injektion von Mal
zu Mal - zum Beispiel in der Tiefe des Einstichs (Nadellänge), in der
Hauttemperatur (ist zu Haut zu kalt oder warm, kann dies auch
Unterschiede in der Resorption bewirken) oder weil die Haut nicht
sauber ist. Es kann auch sein, dass sich die Insulindosis geringfügig
unterscheidet oder dass sogar eine Injektion vergessen wird, ohne dass
einem dies bewusst ist. Hier helfen nur Routine und sorgfältige
Beobachtung des eigenen Verhaltens.
- Psychische Hintergründe: Ein interessanter Punkt - viele
Diabetiker, deren Diabetes plötzlich instabil ist, befinden sich in
unruhigen Lebensphasen, machen Veränderungen durch oder haben Sorgen.
Nicht ohne Grund steht das "brittle" für "instabil", "unsicher" - die
Tagesform und die psychische Verfassung üben ebenfalls Wirkung auf den
Körper, auf die Hormonausschüttung und das allgemeine Befinden aus, die
sich dann in körperlichen Reaktionen auf die Insulindosis
niederschlagen.
Was tun, wenn sich die Schwankungen trotz allem fortsetzen?
Sprechen Sie mit Ihrem Diabetologen oder Arzt darüber und beobachten
Sie ihren Tagesablauf genau - hier ist es sinnvoll, ein Tagebuch zu
führen, in dem alle diabetes-relevanten Abläufe, aber auch allgemeine
Befindlichkeiten notiert werden. Vielleicht gibt es mögliche Auslöser,
die Ihnen bislang noch gar nicht bewusst waren.
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