Erstellt am: 03.05.2005
Letzte Änderung am: 02.06.2005
Die Behandlung mit Insulin revolutionierte die Diabetes-Therapie ungemein. Sowohl Lebenserwartung als auch -qualität verbesserten sich schlagartig. Lange Zeit waren Diabetiker ausschließlich auf tierische Insuline, die aus Bauchspeicheldrüsen von Schlachttieren gewonnen werden, angewiesen. Doch Anfang der 80er ermöglichte die Gentechnik ein neues Verfahren, aus entsprechend veränderten Bakterien ein Insulin herzustellen, das dem menschlichen sehr ähnlich ist.
Es dauerte nicht lange, bis die neue Form des Hormons das Insulin von
Schweinen und Rindern in den meisten Fällen ablöste. So wurde es zum
ersten gentechnisch veränderten Medikament, das beim Menschen zum
Einsatz kam. Man versprach sich davon, dass teilweise aufgetretene
Allergien und Unverträglichkeiten, ausgelöst durch Insulinantikörper,
vermieden werden. Und spätestens durch den BSE-Skandal stieg die
Akzeptanz des angeblich unbedenklichen Humaninsulins stark an. Denn
damit war die gestiegene Angst vor sämtlichen auf den Menschen
übertragbaren Tierkrankheiten in diesem Bereich gebannt.
Nebenwirkungen von Humaninsulin
Was
jedoch nicht so offen und vor allem nicht so offensiv kommuniziert
wurde, kreidet heute so mancher Experte an: Es fehlen selbst nach über
zwanzig Jahren Verwendung immer noch einige Wirkungsstudien. Bereits am
26.7.1988 veranlasste das damalige Bundesgesundheitsamt die Aufnahme
des folgenden Zusatzes in den Beipackzettel: "Auch nach einem Wechsel
von tierischem auf menschliches Insulin sind schwere Unterzuckerungen
vorgekommen, die die Patienten nicht deutlich genug herannahen gefühlt
haben. Daher muss jede Umstellung auf Humansinulin medizinisch
begründet sein." War das denn immer der Fall?
Viele Diabetiker
berichteten bei der Umstellung von einer verschlechterten Wahrnehmung
von niedrigen Blutzuckerwerten. Zuckerschocks häuften sich, nicht
selten fielen die Betroffenen ins Koma. Bis 2002 wurden in den USA 92
Todesfälle aufgrund von Unverträglichkeit synthetischen Insulins
gemeldet. Und auch in Deutschland kursieren Gerüchte von zwei Fällen,
bei denen Diabetiker an den Folgen einer Unverträglichkeit von
Humaninsulin verstorben sein sollen.
Die meisten Zuckerkranken
konnten sich zwar mit diesen Begleiterscheinungen des gentechnisch
hergestellten Insulins arrangieren und haben mit einer neu geschulten
Wahrnehmung gelernt, Hypoglykämien wieder rechtzeitig vorherzusehen.
Allergie auf gentechnisch hergestelltes Insulin
Doch
es gibt auch Menschen, die unter einer Allergie auf Humaninsulin oder
auf darin enthaltene Hilfsstoffe leiden. Selbst die besten Schulungen
helfen hier nicht, Schwankungen im Blutzucker wahr zu nehmen. Außerdem
gibt es noch einige weitere Symptome, die jedoch nicht so ohne weiteres
auf eine Unverträglichkeit zurückzuführen sind. Dazu gehören unter
anderem Wassereinlagerungen, Niedergeschlagenheit, Apathie,
Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen
(Depression oder Aggression), chronische Schmerzen, rheumatische
Beschwerden und im Extremfall auch ein anapyhlaktischer Schock, der
über Erbrechen bis zu Atemlähmung und Herzstillstand reichen kann. Wird
dieser Zustand nicht rechtzeitig wahrgenommen oder ist niemand in der
Nähe, der diese Notsituation erkennt und hilft, kann der Betroffene
durchaus in Lebensgefahr geraten. Diese Diabetiker sind nach wie vor
auf tierisches Insulin angewiesen.
Tierisches Insulin - Mangelware?
Das
Problem ist jedoch, dass bereits Anfang der 90er Jahre die ersten
Firmen sowohl Produktion als auch den Vertrieb von Schweine- und
Rinderinsulin einstellten, denn aufgrund von immer geringeren
Verschreibungs- und damit auch Umsatzzahlen lohnte sich dieses Segment
für die einzelnen Hersteller oft nicht mehr. Marktführer hier war die
Berlin Chemie AG. Doch selbst diese beantragte keine Verlängerung der
Zulassung mehr: Seit 15. März kommt kein von ihr produziertes
tierisches Insulin mehr auf den Markt. Sogar die Restbestände wurden
nach dem 1. April zurückgerufen und vernichtet.
In den Medien
geisterten erste Meldungen, dass es in Deutschland nur noch
Humaninsulin oder Insulinanaloga gebe. Tierisches Insulin müsse z.B.
aus der Schweiz mit einer Lieferzeit von 14 Tagen importiert werden.
Dort ist es nach wie vor uneingeschränkt erhältlich und entspricht auch
in etwa den gleichen Standards wie in der Bundesrepublik. Das Problem
hierbei ist, dass die Krankenkassen importierte Arzneimittel nicht
bezahlen und Diabetiker ihr zum Teil lebensnotwendiges Medikament aus
eigener Tasche bezahlen müssten. Lediglich in aufwändigen
Einzelfallentscheidungen ist es möglich, eine Kostenerstattung zu
erwirken.
Anerkennung als geschütztes Medikament
Zwar
gibt es in Deutschland weiterhin eine Sorte tierisches Insulin, jedoch
reicht das von Novo Nordisk hergestellte Novo Semilente â nicht aus. Es
handelt sich hierbei um ein Depot-Insulin - der Bedarf an
Normal-Insulin ist damit nicht gedeckt.
Wer darauf angewiesen ist,
kommt nicht darum herum, mehrere hundert Euro im Jahr nur für den
Erhalt der Gesundheit ausgeben zu müssen.
Hier wäre es hilfreich,
wenn tierische Insuline durch die EU als "Orphan Drugs" (Medikamente
zur Behandlung seltener Krankheiten) anerkannt würden. Doch dies ist
sehr schwierig. Lediglich die australische Regierung deklarierte
Tierinsulin als "wichtiges Medikament" und sicherte somit die
Versorgung der australischen Bevölkerung.
Auch in Deutschland gibt
es Initiativen, die diese Anerkennung gerne europaweit durchsetzen
würden. Einige Politiker engagieren sich bereits in diesem Bereich.
Bisher ist jedoch kein positives Ergebnis der Petitionen und
Unterschriftensammlungen zu erkennen. Dabei geht es den Antragstellern
weniger darum, den Herstellern von gentechnisch hergestelltem Insulin
zu schaden oder deren Produktion herunter zu fahren, sondern vielmehr
darum, allergischen Diabetikern die Sicherheit zu geben, dass die
Versorgung mit Tierinsulin weiterhin sicher gestellt ist.