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Humaninsulin - Fluch und Segen für Diabetiker

Humaninsulin - Fluch und Segen für Diabetiker

Schweineinsulin für Allergiker Die Behandlung mit Insulin revolutionierte die Diabetes-Therapie ungemein. Sowohl Lebenserwartung als auch -qualität verbesserten sich schlagartig. Lange Zeit waren Diabetiker ausschließlich auf tierische Insuline, die aus Bauchspeicheldrüsen von Schlachttieren gewonnen werden, angewiesen. Doch Anfang der 80er ermöglichte die Gentechnik ein neues Verfahren, aus entsprechend veränderten Bakterien ein Insulin herzustellen, das dem menschlichen sehr ähnlich ist.

Es dauerte nicht lange, bis die neue Form des Hormons das Insulin von Schweinen und Rindern in den meisten Fällen ablöste. So wurde es zum ersten gentechnisch veränderten Medikament, das beim Menschen zum Einsatz kam. Man versprach sich davon, dass teilweise aufgetretene Allergien und Unverträglichkeiten, ausgelöst durch Insulinantikörper, vermieden werden. Und spätestens durch den BSE-Skandal stieg die Akzeptanz des angeblich unbedenklichen Humaninsulins stark an. Denn damit war die gestiegene Angst vor sämtlichen auf den Menschen übertragbaren Tierkrankheiten in diesem Bereich gebannt.

Nebenwirkungen von Humaninsulin

Was jedoch nicht so offen und vor allem nicht so offensiv kommuniziert wurde, kreidet heute so mancher Experte an: Es fehlen selbst nach über zwanzig Jahren Verwendung immer noch einige Wirkungsstudien. Bereits am 26.7.1988 veranlasste das damalige Bundesgesundheitsamt die Aufnahme des folgenden Zusatzes in den Beipackzettel: "Auch nach einem Wechsel von tierischem auf menschliches Insulin sind schwere Unterzuckerungen vorgekommen, die die Patienten nicht deutlich genug herannahen gefühlt haben. Daher muss jede Umstellung auf Humansinulin medizinisch begründet sein." War das denn immer der Fall?
Viele Diabetiker berichteten bei der Umstellung von einer verschlechterten Wahrnehmung von niedrigen Blutzuckerwerten. Zuckerschocks häuften sich, nicht selten fielen die Betroffenen ins Koma. Bis 2002 wurden in den USA 92 Todesfälle aufgrund von Unverträglichkeit synthetischen Insulins gemeldet. Und auch in Deutschland kursieren Gerüchte von zwei Fällen, bei denen Diabetiker an den Folgen einer Unverträglichkeit von Humaninsulin verstorben sein sollen.
Die meisten Zuckerkranken konnten sich zwar mit diesen Begleiterscheinungen des gentechnisch hergestellten Insulins arrangieren und haben mit einer neu geschulten Wahrnehmung gelernt, Hypoglykämien wieder rechtzeitig vorherzusehen.

Allergie auf gentechnisch hergestelltes Insulin

Doch es gibt auch Menschen, die unter einer Allergie auf Humaninsulin oder auf darin enthaltene Hilfsstoffe leiden. Selbst die besten Schulungen helfen hier nicht, Schwankungen im Blutzucker wahr zu nehmen. Außerdem gibt es noch einige weitere Symptome, die jedoch nicht so ohne weiteres auf eine Unverträglichkeit zurückzuführen sind. Dazu gehören unter anderem Wassereinlagerungen, Niedergeschlagenheit, Apathie, Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen (Depression oder Aggression), chronische Schmerzen, rheumatische Beschwerden und im Extremfall auch ein anapyhlaktischer Schock, der über Erbrechen bis zu Atemlähmung und Herzstillstand reichen kann. Wird dieser Zustand nicht rechtzeitig wahrgenommen oder ist niemand in der Nähe, der diese Notsituation erkennt und hilft, kann der Betroffene durchaus in Lebensgefahr geraten. Diese Diabetiker sind nach wie vor auf tierisches Insulin angewiesen.

Tierisches Insulin - Mangelware?

Das Problem ist jedoch, dass bereits Anfang der 90er Jahre die ersten Firmen sowohl Produktion als auch den Vertrieb von Schweine- und Rinderinsulin einstellten, denn aufgrund von immer geringeren Verschreibungs- und damit auch Umsatzzahlen lohnte sich dieses Segment für die einzelnen Hersteller oft nicht mehr. Marktführer hier war die Berlin Chemie AG. Doch selbst diese beantragte keine Verlängerung der Zulassung mehr: Seit 15. März kommt kein von ihr produziertes tierisches Insulin mehr auf den Markt. Sogar die Restbestände wurden nach dem 1. April zurückgerufen und vernichtet.
In den Medien geisterten erste Meldungen, dass es in Deutschland nur noch Humaninsulin oder Insulinanaloga gebe. Tierisches Insulin müsse z.B. aus der Schweiz mit einer Lieferzeit von 14 Tagen importiert werden. Dort ist es nach wie vor uneingeschränkt erhältlich und entspricht auch in etwa den gleichen Standards wie in der Bundesrepublik. Das Problem hierbei ist, dass die Krankenkassen importierte Arzneimittel nicht bezahlen und Diabetiker ihr zum Teil lebensnotwendiges Medikament aus eigener Tasche bezahlen müssten. Lediglich in aufwändigen Einzelfallentscheidungen ist es möglich, eine Kostenerstattung zu erwirken.

Anerkennung als geschütztes Medikament

Zwar gibt es in Deutschland weiterhin eine Sorte tierisches Insulin, jedoch reicht das von Novo Nordisk hergestellte Novo Semilente â nicht aus. Es handelt sich hierbei um ein Depot-Insulin - der Bedarf an Normal-Insulin ist damit nicht gedeckt.
Wer darauf angewiesen ist, kommt nicht darum herum, mehrere hundert Euro im Jahr nur für den Erhalt der Gesundheit ausgeben zu müssen.
Hier wäre es hilfreich, wenn tierische Insuline durch die EU als "Orphan Drugs" (Medikamente zur Behandlung seltener Krankheiten) anerkannt würden. Doch dies ist sehr schwierig. Lediglich die australische Regierung deklarierte Tierinsulin als "wichtiges Medikament" und sicherte somit die Versorgung der australischen Bevölkerung.
Auch in Deutschland gibt es Initiativen, die diese Anerkennung gerne europaweit durchsetzen würden. Einige Politiker engagieren sich bereits in diesem Bereich. Bisher ist jedoch kein positives Ergebnis der Petitionen und Unterschriftensammlungen zu erkennen. Dabei geht es den Antragstellern weniger darum, den Herstellern von gentechnisch hergestelltem Insulin zu schaden oder deren Produktion herunter zu fahren, sondern vielmehr darum, allergischen Diabetikern die Sicherheit zu geben, dass die Versorgung mit Tierinsulin weiterhin sicher gestellt ist.

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