Erstellt am: 02.11.2009
Letzte Änderung am:
13.12.2009
Das Diabetische Fußsyndrom: Ein Interview mit dem Diabetologen Dr. med. Rainer Betzholz
Der diabetische Fuß zählt zu einen der häufigsten Folgerkrankungen von Diabetes mellitus. Trotz guter Heilungschancen bei einer Früherkennung, werden deutschlandweit jährlich immer noch ca. 15.000 Fußamputationen durchgeführt. Dr. Rainer Betzholz hat eine diabetische Schwerpunktpraxis in Neuss.
Mit seiner diabetischen Fußambulanz verfügt Dr. Betzholz darüber hinaus über jahrelange Erfahrung im Umgang mit der diabetischen Folgeerkrankung. DIABETESGATE sprach mit dem Neusser Diabetologen über Ursachen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten des diabetischen Fußssyndroms sowie über die wichtige Rolle der Prävention.
Herr Dr. Betzholz, das Diabetische Fußsyndrom gilt als Folgerkrankung des Diabetes. Wie viel Prozent der Diabetiker leidet unter dieser Krankheit? Welche Typen von Diabetiker sind besonders gefährdet?
Ca. 7 Prozent der Menschen mit Diabetes sind derzeit von einem akuten Diabetischen Fußsyndrom betroffen. Zu den Risikofaktoren für die Entstehung eines diabetischen Fußes zählen eine lange Diabetesdauer, hohe Blutzuckerwerte, das Vorhandensein von Folgeschäden an Nieren und Augen sowie ein vermindertes Schmerzempfinden aufgrund einer diabetischen Neuropathie (Nervenschädigung, Anm. der Redaktion).
Können Sie uns das Krankheitsbild kurz schildern? Und was sind die Ursachen?
Bei einem neuropathisch-infizierten Fuß, der bis zu 70 Prozent aller Fälle des diabetischen Fußes ausmacht, sind die peripheren Nerven aufgrund jahrelanger Mangelversorgung geschädigt. Durch die Nervenschädigung kommt es zu charakteristischen Veränderungen an den Füßen, die die Basis für Verletzungen, Geschwüre und Infektionen bilden:
- Veränderungen an der Fußmuskulatur führen zu Fehlstellungen, insbesondere zu Krallenzehenbildung.
- Ausfall des autonomen Nervensystems an der Haut hat starke Austrocknung, verstärkte Verhornungsneigung und Rissbildung (Rhagaden) zur Folge
- Gefühlsstörungen lassen Warnsymptome bei Verletzungen nicht aufkommen, sodaß die Schwere der Veränderung verkannt wird
Durch diese Konstellation entstehen (Druck-)Geschwüre an bevorzugten Stellen, meist im Bereich der Zehen und der Mittelfußknochen. Kommt eine Durchblutungsstörung dazu, ist die Prognose von Verletzungen besonders schlecht.
In besonders schweren Fällen kann es zu Amputationen kommen, wie beurteilen Sie generell die Therapiemöglichkeiten bei einem Diabetischen Fußsyndrom?Die Chancen einer Abheilung eines diabetischen Fußgeschwürs sind von vielen Faktoren abhängig. Immer ist aber ein sofortiges Handeln, das bedeutet die Vorstellung in einer diabetischen Fußambulanz, anzustreben. Das rein „neuropathische“ Druckgeschwür bedarf vor allem konsequenter Entlastung durch spezielle Verbandsschuhe, einer fachgerechten Wundbehandlung und engmaschiger Kontrollen. Kommt eine Infektion dazu, steigt das Risiko einer Amputation um das Zehnfache.
Hier müssen ausreichend dosiert und lange genug Antibiotika zum Einsatz kommen. Besonders amputationsgefährdet sind Geschwüre, wenn zusätzlich eine Durchblutungsstörung vorliegt. Dann muss dringend eine Verbesserung der Durchblutung (Operation, Ballonkathetermaßnahmen) erfolgen, um die Heilungschancen zu verbessern.
Prävention und gewissenhafte Pflege scheint hier für Diabetiker die entscheidende Maßnahme um Schlimmeres erfolgreich zu verhindern. Wie sehen optimale Vorbeugungsmaßnahmen aus?Hierzu zählen regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen mit Kontrolle der Fußnerven und Beindurchblutung, am besten mit einer Dokumentation im Diabetespass. Bei Risikofüßen (mit Neuropathie, mit Fußverformungen) sollten Betroffene folgende Maßnahmen unbedingt befolgen:
- tägliche Selbstuntersuchung auf Verletzungen und Druckstellen
- Sicherstellung professioneller Fußprophylaxe beim Podologen
- Ggf. Schuhversorgung
- Sofortige Vorstellung in einer Fußambulanz bei kleinsten Verletzungen
In der diabetischen Fußpflege haben sich insbesondere Produkte mit den Feuchtigkeitsfaktoren Urea, Glycerin und Laktat, die in Zusammenarbeit mit Diabetologen entwickelt wurden, bewährt. Warum ist Feuchtigkeit eigentlich von so hoher Bedeutung?Eine richtige Fußpflege bei Menschen mit Risikofüßen soll vor allem die Austrocknung der Haut verhindern und krankhafte Verhornung vermeiden oder beseitigen. Wie schon erwähnt, ist die Hautdurchfeuchtung durch die Neuropathie des vegetativen (autonomen) Nervensystems gestört, weshalb die Haut bei neuropathischen Störungen besonders zur Austrocknung und Rhagadenbildung neigt.
Man hört häufig, dass eine diabetische Fußpflege "atmungsaktiv" sein soll, um die Poren nicht zu verschließen und somit Hitzestaus in den Füßen zu vermeiden. So sollte man als Diabetiker bevorzugt Fußcremes mit dem Emulsionstyp "Öl-in-Wasser" verwenden? Was meinen Sie dazu?Das ist richtig (befindet sich das Wasser beim Produkt in der Außenphase, kann die Haut weiter atmen, da sie nicht okklusiv abgedeckt wird, Anm. der Redaktion). Das früher gerne bevorzugte Melkfett ist wegen der Verstopfungsgefahr für die Poren und der hohen Allergierate auf Lanolin nicht mehr empfehlenswert.
Ist die Hautpflege bei Diabetes auch über das Problemfeld diabetisches Fußsyndrom hinaus ein wichtiges Thema?Gepflegte Füße sind grundsätzlich wichtig. Hautpflege sollte vor allem bei Menschen mit nachgewiesener Neuropathie täglich durchgeführt werden, um der Entwicklung eines Fußsyndroms vorzubeugen
Vielen Dank für das Gespräch!Dr. med. Rainer Betzholz
Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie
Ernährungsmedizin - Verkehrsmedizin
Diabetologische Schwerpunktpraxis Neuss
FachArztZentrum Neuss
Am Hasenberg 44
41462 Neuss
Telefon: 02131-6659-1250
Fax: 02131-6659-1255
www.diabeteszentrum-neuss.de
Autor: Carolin Bunge
Quelle:
Interview mit Dr. med. Rainer Betzholz vom 29.10.2009