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Tschernobyl

Zahl der Diabeteserkrankungen in Tschernobyl um mindestens ein Drittel gestiegen

26.04.1986, 1.36 Uhr. In dem nahe Kiew liegenden Tschernobyl passiert etwas, dass statistisch gesehen nur einmal in einer Million Jahre stattfindet - der GAU (Größter Anzunehmender Unfall).

Ein missglücktes Experiment verursachte eine Wasserstoffexplosion, die das Reaktorgehäuse zerstörte. Was daraufhin passierte, ist weitgehend bekannt: Die ausgetretene Strahlung verseuchte Milch, Pilze, Wild und Fische in weiten Teilen Europas. Es dauerte einige Jahre, bis manche Produkte wieder verzehrt werden durften. So versuchte man, Erkrankungen und Schädigungen durch die ausgetretene und sich weit verbreitende Strahlung vorzubeugen.

Folgen der Strahlung

Doch so glimpflich wie hier in Deutschland und in weiten Teilen Westeuropas sind die Bewohner der Ukraine, Weißrusslands und Russlands nicht davon gekommen. Während man zum Beispiel in Frankreich darüber stritt, ob man eine erhöhte Brustkrebsrate überhaupt auf den Vorfall in Tschernobyl zurückführen könne, ist die Sachlage in den unmittelbar betroffenen Städten eindeutig. Durch die späte Warnung der Bevölkerung und die eher provisorisch aufgebaute Schutzvorrichtung um den explodierten Reaktor waren die Menschen vor Ort immensen Strahlungen ausgesetzt. Und auch heute, fast 18 Jahre nach dem Unglück, ist diese Gefahr noch lange nicht gebannt. Durch die Armut der Region sind die Bewohner oft gezwungen, Obst, Gemüse und Fleisch zu verzehren, das aus dieser stark belasteten Region stammt. Auch die Schutzhülle aus Stahl und Beton ist mittlerweile undicht geworden.
Die Folgen der vergangenen und noch andauernden Strahlung sind hier eindeutig erkennbar. Allseits bekannt sind Missbildungen bei Neugeborenen, Haarausfall und Blutkrebs. Doch auch ein starker Anstieg verschiedener anderer Krebsarten wurde beobachtet. Kinder sind davon besonders stark betroffen.

Diabetes durch radioaktive Strahlung?

In einer Studie haben Zalutskaya und Kollegen die von vielen Seiten geäußerten Vermutung bestätigt, dass durch die Strahlung auch Diabetes Typ 1 ausgelöst werden kann. Dazu haben sie die Bevölkerung zweier Städte in der Nähe von Tschernobyl untersucht: Gomel war der radioaktiven Strahlung stark ausgesetzt, Minsk dagegen wurde nur minimal belastet. Die Wissenschaftler verglichen jeweils die neu aufgetretenen Typ 1 Erkrankungen von 1980 bis 1986 mit denen im Zeitraum von 1987 bis 2002.
Während in Minsk keine statistisch bedeutsame Veränderung festgestellt werden konnte, erkrankten in Gomel nach dem Unglück etwa doppelt so viele an Diabetes, als zuvor.
Bisher war man im Durchschnitt von einer Steigerung um 28 Prozent in den betroffenen Regionen ausgegangen, da besonders durch den Umzug vieler Kinder nicht mehr exakt nachvollzogen werden kann, ob die Erkrankung tatsächlich durch die Strahlung bedingt ist. Die Ergebnisse dieser Studie bestätigt jedoch den immer deutlicher werdenden Verdacht, dass die Krankheit in den kontaminierten Gebieten deutlich häufiger auftritt.
Dabei wird vermutet, dass radioaktiv verseuchtes Jod die Krankheit auslöst.

Schlechte medizinische Versorgung

Zur stark gestiegenen Zahl der Erkrankungen kommt noch die Problematik der schlechten Versorgung. Nicht nur die Bevölkerung hat wenig Geld. Auch medizinische Einrichtungen sind nur mangelhaft ausgestattet. Bei den technischen Geräten handelt es sich nicht selten um alte, z.T. defekte Geräte aus der ehemaligen DDR. Die Medikamentenversorgung ist bedenklich. Wer ins Krankenhaus geht, muss seine Tabletten meist selbst mitbringen.
Dementsprechend gestaltet sich auch die Versorgung mit für Typ 1 Diabetiker lebensnotwendigem Insulin schwierig. Auf der einen Seite gibt es das Hormon nur in sehr begrenzter Menge, auf der anderen Seite fehlen aber auch Blutzuckermessgeräte und entsprechende Schulungen, die eine Verschwendung von Insulin vorbeugen könnten.

Hilfe aus Deutschland

Dafür setzen sich einige Vereine und Hilfsorganisationen auch aus Deutschland ein. So wurden zum Beispiel vom Komitee "Kinder von Tschernobyl" 2001 zwei Mitglieder entsandt, um vor Ort neben der Übergabe von Sachspenden auch Schulungen für diabetische Kinder zu geben.
Die DIA REAL Diabetesservice AG sammelt bereits seit einigen Jahren zusammen mit einigen Selbsthilfegruppen ausrangierte, aber funktionierende Hilfsmittel und liefern diese dann persönlich vor Ort bei den Kindern ab.

Benötigt werden unter anderem:

  • Nicht mehr genutzte, aber funktionstüchtige Blutzuckermessgeräte
  • Teststreifen – mindestens noch ein halbes Jahr haltbar
  • nicht mehr genutzte, aber funktionstüchtige Pens
  • Insulin – mindestens noch ein halbes Jahr haltbar – für Pens und Einmalspritzen (z.B. bei Umstellung auf ein anderes Insulin übriggeblieben, besonders aber Protaphan und Actrapid)
  • Kanülen
  • Kleidung

Von der Bestrahlung sind sieben Millionen Menschen betroffen. Und auch 18 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl treten immer neue Krankheitsfälle auf.
Frühestens 2016 wird die Gesamtzahl aller, die Schaden von der Strahlung genommen haben, erkennbar sein. Bisher ist nur die Spitze des Eisbergs sichtbar.

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