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Skurriles aus der Diabetesforschung

Skurriles aus der Diabetesforschung – reine Provokation oder Kapitulation vor den Tatsachen?

©pixelio / Benjamin Klack Diabetesforschung ist eine sinnvolle Angelegenheit. Immerhin wird hier nach Wegen gesucht, die Zivilisationskrankheit im Zaum zu halten. Manche Wissenschaftler formulieren mitunter jedoch mehr gewagte als sinnvolle Theorien.

Mehr als die Stoffwechselstörung selbst stellen diabetische Begleiterkrankungen eines der größten Probleme in der Diabetesbehandlung dar. Hierzu zählt vor allem die im Fachjargon als „Adipositas“ bekannte Fettleibigkeit. Als Richtwert für die Beurteilung von Körpergewicht gilt der so genannte Body-Mass-Index (BMI). Ein BMI bis zu 25 kg/m2 gilt als Normalgewicht, darüber spricht man von Übergewicht und ab einem BMI von 30 kg/m2 von einer Adipositas. Zu viele Kilos an den Hüften führen unter anderem zu Herz-Kreislauf- Erkrankungen vom lebensbedrohlichen Ausmaß. Deshalb richtet die aktuelle Diabetesforschung das Augenmerk auf die Entwicklung von funktionierenden Gegenmaßnahmen und Behandlungsansätzen von Adipositas. Es melden sich jedoch auch Wissenschaftler zu Wort, welche anstatt verbesserter Ernährungstherapien eher eine Anpassung aller Lebensbereiche an Übergewichtige fordern. Weshalb Abnehmen, wenn das Auto-Design geändert werden kann? Weshalb Fastfood meiden, wenn eine „Anti-Diabetes“ Pille zum Menü serviert werden könnte? Für Kritiker eine Stagnation, für Andere die Welle der Zukunft - Rückschritt und Forschritt scheinen hier zu verschmelzen.  

Lieber Autos an Fettleibigkeit anpassen als Diät?!

Eine gewagte Theorie haben beispielsweise die Wissenschaftler der New Yorker Universität Buffalo School of Medicine veröffentlicht. So haben sie in einer Studie belegen können, dass bereits moderat adipöse Menschen mit einem BMI zwischen 35 und 39 im Vergleich zu Personen mit Normalgewicht ein um 21 Prozent höheres Risiko aufweisen, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Die Autoren der Untersuchung schreiben im American Journal of Emergency Medicine, dass bei krankhaft adipösen Personen mit einem BMI von 40 und höher das Risiko sogar auf 56 Prozent steige. "Zuviel Bauch drückt den Menschen zu nah ans Lenkrad, womit das Sterberisiko stark ansteigt." – erklärt Dietrich Jehle, Doktor für Notfall-Medizin und Professor an der University at Buffalo School of Medicine. Die Ergebnisse der Studie veranlassen die Arbeitsgruppe zu einer in Augen der Kritiker bedenklichen Empfehlung: So müsse die Autoindustrie das Design der Fahrzeuge an die übergewichtigen Fahrer anpassen,  um diese besser zu schützen. Ergänzend sollten auch Crashtest-Dummys mit Übergewicht eingesetzt werden, wenn Autos auf ihre Sicherheit getestet werden.
Völlig außer Acht lassen die Wissenschaftler der vorliegenden Studie jedoch die Notwendigkeit, die epidemieartige Zunahme an Fettleibigkeit mit Ernährungs- und Bewegungsstrategien zu bekämpfen. Schlimmer: ein leichtes Übergewicht (BMI zwischen 25 und 29) wird hier sogar als der lebensrettende Schutz propagiert. So hätten die Ergebnisse gezeigt, dass ein bisschen mehr Bauch zu einem schützenden Polster während eines Autounfalls werden könne.

Blutzuckersenkende Pille in Fastfood-Restaurants?

Eine weitere Form der Kapitulation vor Diabetes und andere Krankheiten förderndem Übergewicht ist die Idee einer cholesterinsenkenden Wunderpille, welche zum kalorienhaltigen Speisen serviert wird. Der ideale Einsatzbereich: Fastfood-Restaurants. Wie das Apothekenmagazin "Diabetes Ratgeber" in der Novemberausgabe 2010 berichtete, haben britische Forscher vom National Heart and Lung Institute des Imperial College London vorgeschlagen, einen solchen Blutzucker- bzw. Cholesterinsenker mit jedem Menü anzubieten. Das sei nicht teurer als eine Portion Ketchup, würde aber die gefäßschädigenden Fette neutralisieren, so die Forscher. Auch in diesem Fall scheint sich die resignative Anpassung wissenschaftlicher Bemühungen an die problematisch steigende Adipositasrate abzuzeichnen. Warnungen vor dem Massenphänomen „Fastfood“ werden auch hier ausgelassen. Dabei sind diese enorm wichtig, bedenkt man, dass der Verzehr von Junk food durch den hohen Gehalt an leicht verfügbaren Zuckern die Entstehung einer Insulinresistenz und damit Diabetes mellitus begünstigt. Aktuellen Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2025 die Zahl der weltweit an Diabetes erkrankten Menschen von jetzt 250 Millionen um mehr als 50 Prozent auf etwa 380 Millionen ansteigen wird, sollten sich die Ess- und Lebensgewohnheiten nicht ändern. Die Zuckerkrankheit wurde deshalb von den Vereinten Nationen als erste nicht durch eine Infektion ausgelöste Erkrankung zu einer globalen Bedrohung der Menschheit erklärt. Gerade vor dem Hintergrund dieser düsteren Aussichten müsste die Wissenschaft nach Wegen aus der gesundheitlichen Misere suchen, anstatt den Menschen von heute in seinem Tun zu bestärken.

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