Erstellt am: 01.12.2004
Letzte Änderung am: 01.12.2004
„Ich kam, sah und spritzte“ steht mit großen bunten Buchstaben unter einem der zahlreichen Bilder, an der Wand des Sprechzimmers von Dr. med. Ora Seewi geschrieben. Sie ist Kinderärztin in der Kinder-Diabetes-Ambulanz der Universitätskinderklinik Köln. Über den Buchstaben thront ein handgemalter Cäsar mit geschwollener Brust und einem Pen in der Hand. Darunter sitzt Bonnie, 13 Jahre, aufgeregt vor der heutigen Untersuchung. Angst vor der Ärztin hat sie nicht. „Warum auch? Sind doch alle ganz nett hier“, sagt Bonnie.Dabei strahlt sie über das ganze Gesicht. Vor vier Jahren wurde bei ihr Diabetes festgestellt. Damit sie den Diabetes kennen lernen und verstehen konnte, verbrachte sie acht Tage mit anderen gleichaltrigen Kindern im Krankenhaus. Die Krankenschwestern brachten ihr bei, wie man seine Werte misst, sich richtig spritzt, was man wann und wie viel essen und trinken darf und was eine Unter- und Überzuckerung ist. „Die Kinder sind der Boss ihres Diabetes und nicht anders herum“, schärft Dr. Seewi allen ihren kleinen Patienten ein. Ganz wichtig ist, dass die Kinder von Anfang an verstehen, was mit ihrem Körper los ist. „Ein Kind hat es einmal schön auf den Punkt gebracht: Ich bin nicht krank, mir fehlt nur ein bisschen Insulin! So ist es“, sagt Dr. Seewi.
Schulung ist cool
Nach einer lern- und erlebnisreichen Woche im Krankenhaus wusste Bonnie viel besser Bescheid. „Schulung ist cool“, sagt sie. Eine große Hilfe für alle Diabetes-Neulinge sind auch die darauffolgenden Einzelgespräche und Gruppenschulungen mit anderen Kindern. Spielerisch lernen sie all die Dinge, die man über Diabetes wissen muss. In dem neuen bunten Schulungsraum und beim Kochen in der großen Küche macht es natürlich doppelt Spaß. Gewappnet mit Küchenschürze und Kochlöffel werden die Lieblingsgerichte gekocht, die Broteinheiten gezählt und hinterher natürlich alles aufgegessen. Mmmh lecker.
Nach vier Jahren hat Bonnie ihre Werte gut im Griff. „Eigentlich ist das gar nicht so schlimm. Manchmal bin ich nur genervt, wenn ich keine Zeit habe, trotzdem aber Messen und die Werte aufschreiben muss“, sagt Bonnie. Zeit ist bei ihr wirklich knapp, denn mit Leidenschaft geht sie ihren Hobbys Tanzen und Zirkusakrobatik nach. Alle drei Monate steht ein Besuch in der Sprechstunde von Dr. Seewi auf dem Plan. Zuerst wird im Labor geschaut, ob die Langzeitwerte in Ordnung sind. Im Sprechzimmer stürmt Bonnie als erstes auf die Waage und zur Messlatte: „Bin ich gewachsen?“ Einmal im Jahr wird jedem Kind zusätzlich Blut abgenommen, ein Urintest gemacht und die Augen überprüft. Bonnie kennt sich mit den Abläufen in der Sprechstunde schon gut aus.
Immer ein offenes Ohr
Die Kinder-Diabetes-Ambulanz hat zweimal in der Woche Sprechstunde. An einem Tag besuchen durchschnittlich zwölf Kinder meistens mit Mama oder Papa die Ambulanz. Der jüngste Patient ist gerade einmal elf Monate alt, der älteste 20 Jahre. Neben Frau Dr. Seewi sind Abteilungsleiter Prof. Schönau, Frau Oster (Diabetesberaterin), Frau Spiering (Ernährungsberaterin), Frau Stricker-Eßmann (Kinderkrankenschwester) und Herr Freiknecht (Psychologe) Ansprechpartner für Eltern und Kind. Wenn der Schuh einmal ganz arg drückt, können die Patienten oder Eltern jederzeit anrufen. Für jedes Problem und jede Frage wird sich in der Ambulanz Zeit genommen.
Zum Telefon hat auch Katja, 16 Jahre, gegriffen, als sie mit ihrem Diabetes nicht mehr weiter wusste. Gerade nach der Diagnose vor fast einem Jahr kamen viele Fragen bei ihr auf. Nach der Schulung war sie sich anfangs noch unsicher. Zu viele neue Dinge stürmten auf sie ein. „Am Anfang dachte ich, alles stürzt zusammen. Aber mittlerweile gehört der Diabetes einfach zu meinem Leben“, sagt Katja. „Ich erkenne die Signale meines Körpers und weiß sofort, was ich machen muss“, sagt sie weiter. Aber das kann alles auch ziemlich nervig sein. „Wenn ich mit meinen Freunden weggehe, fühle ich mich schon ein bisschen eingeschränkt. Ich muss mir vorher überlegen, was ich trinke und esse“, sagt Katja.
Den Alltag selbständig meistern
In den eigenen vier Wänden und in der Obhut von der Familie gehört der Diabetes bald zum Alltag und ist völlig normal. Eine große Hürde für viele Kinder ist die Schule. Die neugierigen Blicke oder blöden Kommentare der Mitschüler möchte man lieber umgehen. Um dem vorzubeugen, schaut in den meisten Fällen ein Arzt in der Schule vorbei und erklärt den Mitschülern und Lehrern was Diabetes ist. Das macht aber niemanden zum Außenseiter. Ganz im Gegenteil – Kilian ,acht Jahre, hat gute Erfahrungen in der Schule gemacht: „Als ich das erste Mal in der Schule gemessen habe, stand die ganze Klasse um mich rum“, sagt Kilian. Seit der Arzt vor vier Monaten Diabetes feststellte, nimmt Kilian schon vieles selbst in die Hand. „Ich spritze und messe selbst. Meine Mama muss mir nur noch die Speckrolle am Oberschenkel zum Spritzen halten“, erzählt er stolz.
Während seiner Schulungswoche im Krankenhaus hat er gut aufgepasst. Zum ersten Mal in der Sprechstunde von Dr. Seewi fühlt er sich sichtlich wohl. Seine Mama geht zusammen mit der Frau Doktor die Werte des Diabetes-Tagebuches durch. Fragen, was man beim Sport zu beachten hat oder wann am besten gespritzt wird, können gleich beantwortet werden. Ein allgemeines Rezept zum Spritzen gibt es nämlich nicht. Deshalb ist es wichtig, dass die Werte für jedes Kind ganz genau ermittelt werden. „Nicht jedem passt der gleiche Schuh, deshalb spritzt auch jeder anders. Denn jedes Kind hat seinen eigenen Diabetes“, erklärt Dr. Seewi dem kleinen Patienten. Die Mama von Kilian ist beruhigt. Auch Kilian muss noch vieles lernen. Aber zum Glück können sie sich jederzeit an die Kinder-Diabetes-Ambulanz wenden. Die Sprechstunde von Frau Dr. Seewi ist für heute vorbei. Zum Abschied erhält jeder kleine Patient noch einen Lolly - zuckerfrei natürlich.
Wir bedanken uns für den ermöglichten Besuch in der Kinder-Diabetes-Ambulanz in Köln am 24.11. 2004.
Autor: Steffi Dörries
Quelle: Besuch der Kinder-Diabetes-Ambulanz in Köln