Erstellt am: 07.02.2011
Letzte Änderung am: 07.02.2011
Beim Selbstmordversuch steht häufig nicht der Wunsch zu sterben im Vordergrund, sondern die Vorstellung, so wie bisher nicht weiterleben zu können. Dies geht auch aus dem Abschiedsbrief der kleinen Französin hervor. Das Mädchen musste eine strenge Diät einhalten und täglich Insulin spritzen. Ein striktes Naschverbot hatte der Kinderseele dabei stark zugesetzt. Das Kind stürzte sich in den Tod, weil es den rigorosen Süßigkeitenverbot des Kindermädchens nicht mehr ausgehalten hatte.
Kompliziert: „Zucker“ in jungen Jahren
Immer häufiger tritt Diabetes in jungen Jahren auf. Experten schätzen, dass derzeit ungefähr 25000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Typ-1-Diabetiker sind. Besorgniserregend ist zudem die steigende Zahl an jungen Menschen, die aufgrund von Übergewicht einen Typ-2-Diabetes entwickeln. In beiden Fällen stellt die Diagnose „Zuckerkrankheit“ das Leben der Betroffenen auf den Kopf. Für Kinder kann dabei eine kleine Welt zusammenbrechen. Ab sofort dreht sich der Tagesablauf um Blutzuckermessungen, Insulinspritzen und Ernährungsregeln. Dabei neigen gerade die kleinen Patienten nun einmal dazu, ganz spontan herumzutoben oder zu naschen. Die Folge: eine Diabetes-Therapie wird häufig gerade in der Eingewöhnungszeit als massive und ungerechte Einschränkung wahrgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass in den Kindergärten und Schulen die Krankheit das Personal oft überfordert. Nicht selten fühlen sich diabetische Kinder auch von den Schulkameraden „anders behandelt“. Im Normalfall legt sich die Unsicherheit im Umgang mit Diabetes beim betroffenen Kind, aber auch bei seiner Umgebung mit der Zeit. Eine altersgerechte Therapie, die nicht auf strikter Verbotserteilung basiert, ist dabei von besonderer Bedeutung.
Diabetische Kinder: zum Verzicht verurteilt?
Grundsätzlich ist Selbstmord für ein Kind eine ungewöhnliche Tat. Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (DGKJP) nehmen sich Kinder unter 10 Jahren nur selten das Leben. Suizidgedanken und -drohungen können jedoch durchaus auch schon in dieser sehr jungen Altersgruppe auftreten. Ein Vorbote ist dabei oft eine (nicht behandelte) Depression. Psychische Probleme betreffen immer häufiger Diabetiker – dies gilt für alle Altersstufen. Die Patienten berichten von Gefühlen des Ausgeliefertseins, der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, der Antriebsarmut und des Interessenverlusts. Häufige Zuckermessungen, Insulin spritzen und die Anpassung der Ess- und Lebensgewohnheiten an die Allüren der Krankheit bedeuten besonders für Kinder ein schweres Schicksal. Der mancherorts immer noch propagierte Verzicht auf Gummibärchen und Co. kann dabei die kleine Welt ins Wanken bringen. Der Diabetesverband DiabetesDE beurteilt einen kompletten Süßigkeiten-Verbot als „ziemlichen Unfug“. Längst sei bewiesen, dass Zucker aus Schokolade oder Eis in Maßen nicht schädlicher ist als Kohlenhydrate in anderen Lebensmitteln. Kohlenhydrate aus Cornflakes, Weißbrot und Kartoffelbrei liessen den Blutzuckerspiegel sogar schneller ansteigen als Zucker aus Schokolade, so diabetsDE.
diabetesDE: alle diabetische Kinder brauchen moderne Diabetes-Therapie
Statt „möglichst wenig Zucker“ ist heute das wichtigste Ziel für einen Diabetiker „ein möglichst normaler Blutzuckerspiegel“, so diabetesDE. Deshalb ist ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln für den Erfolg der Diabetestherapie sehr wichtig. Betroffene müssen beispielsweise lernen, wie viele Kohlenhydrate die einzelnen Lebensmittel enthalten und welche Auswirkung sie auf den Blutzuckerspiegel haben. Von diesen Informationen hängt ab, welche Mengen blutzuckersenkender Medikamente – wie zum Beispiel Insulin – ein Patient braucht. Je früher die Akzeptanz der Krankheit eintritt, desto einfacher der Umgang mit ihr. Bei Kindern spielen die Eltern und eine an das jeweilige Alter angepasste Therapie eine wichtige Rolle. Denn: für Kinder und Jugendliche gelten besondere Bedingungen. So müssen Einflüsse des Wachstums, hormonelle Veränderungen und alterstypische Verhalten in der Therapie berücksichtigt werden. Angesichts des tragischen Vorfalls in Frankreich ruft diabetesDE alle Eltern von Kindern mit Diabetes dazu auf, sich den professionellen Rat über Ernährung in einer Spezialeinrichtung für Kinderdiabetes einzuholen. „Auch die behandelnden Ärzte sollten ihre kleinen Patienten mit ihren Eltern zu einer professionellen Diabetesberatung schicken, damit Fälle wie in Frankreich kein Drohgespenst aufbauen.“- so Professor Dr. med. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Chefarzt des Kinderkrankenhauses auf der Bult, Hannover. Fazit: Eine angepasste und altersgerechte Diabetestherapie hätte womöglich die Tragödie von Lyon verhindern können.
Autor: Beata Mazuryk
Quelle:
http://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes/diabetes_bei_kindern/kinder_mit_diabetes/fuer_kinder_informationen_und_tipps_rund_um_diabetes/suessigkeiten_kein_tabu/
http://www.diabetesgesellschaft.ch/de/djournal/archiv/psychologie/diabetes_und_depression_16704/
http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de/npin/show.php3?id=34&nodeid=