Erstellt am: 07.01.2010
Letzte Änderung am: 07.01.2010
Die Zahl der Arztbesuche in Deutschland steigt rapide. Ein Report der Gmünder Ersatzkasse (GEK) hat nun gezeigt, dass im Vergleich zu den vergangenen Jahren die Zahl der Arzt Besuche pro Kopf von 16 Mal jährlich auf fast 18 Mal anstieg. Auch im internationalen Vergleich stehen die Deutschen bei der Häufigkeit von Arztbesuchen ganz weit vorn.
Eine herausragende Rolle für die Zahl der Arztkonsultationen sowie für das Gesundheitssystem überhaupt spielt die in wachsendem Maße auftretende Multimorbidität (lat. Mehrfacherkrankung) in unserer Gesellschaft. In Korrelation mit der Multimorbidität ist ebenfalls die Zahl der Kontakte zu unterschiedlichen Ärzten gewachsen. Im Jahr 2007 nahmen, laut GEK Report, 50 Prozent der Bevölkerung vier oder mehr Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen in Anspruch. Registrierte Zahlen wie stark Diabetiker im Vergleich zu Nicht-Diabetiker einen Arzt frequentierten liegen nicht vor. Chronisch Kranke leiden jedoch vermehrt unter Folgeerkrankungen. Daraus lässt sich schließen, dass bei dieser Gruppe die Zahl der Arztbesuche ebenfalls hoch anzusiedeln ist.
Chronisch Kranke
Aufgrund der verzeichneten Multimorbidität hat der GEK Report 2008 das Auftreten von chronischen Krankheitsbildern wie Depressionen oder Herzinsuffizienz untersucht. Das Ergebnis des Jahres 2006 war, dass 5,8 Prozent der GEK Versicherten die Diagnose „Depression“ und 2,8 Prozent die Diagnose „Herzinsuffizienz“ gestellt wurden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie viele der dabei verzeichneten GEK-Versicherten Diabetiker waren, da Diabetiker zweieinhalb- bis fünfmal häufiger als Nichtdiabetiker eine Herzinsuffizienz haben und ferner zu der Gruppe der chronisch Kranken gehören. Die Datenlage speziell zu Diabetikern bzw. zu Mehrfacherkrankungen im Allgemeinen ist bis jetzt jedoch für eine Statistik unzureichend.
Aufschlussreiche Daten
Die folgenden Hochrechnungen gründen auf den Zahlen der Datenbank der GEK, die die Daten ihrer eigenen Versicherten auswerten lies und auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet hat. Dem Report der GEK vom Jahr 2008 ist zu entnehmen, dass im Jahr 2007 werktags durchschnittlich 5,2 Millionen Menschen zum Arzt gingen. Daraus ergibt sich, dass ein Arzt pro Arbeitstag im Schnitt 38 Patienten behandelt. Somit bleibt ihm nur wenig Zeit zur individuellen Patientenberatung. Die Studie zeigt außerdem, dass insgesamt nur ein geringer Teil der Bevölkerung, weniger als acht Prozent keinen Kontakt zu einem Arzt hatte.
7,1 Behandlungsfälle in Deutschland
Für das Jahr 2007 lassen sich 92,6 Prozent der deutschen Bevölkerung anführen, die Kontakt zu einem Arzt hatten. Wertet man die Abrechnungsfälle vertragsärztlicher Leistungen der GKV aus ergibt sich daraus, dass 7,1 Krankenscheine bzw. Behandlungsfälle pro Person innerhalb eines Quartals abgerechnet wurden. Die durchschnittliche Zahl der Arztkontakte lag dabei bei 17,7 Kontakten pro Kopf. Laut GEK ist insgesamt die Zahl der Behandlungsfälle von 2004 auf 2007 von 536 auf etwas 584 Millionen gestiegen. Dieser Anstieg ist bedenklich und zeigt, dass sich die Deutschen kaum Gedanken um die Kostenauswirkungen auf das Gesundheitssystem machen. Laut GEK-Chef Schlenker muss eine bessere Lenkung in der ambulanten Versorgung geschafft werden.
Vergleicht man die Bundesländer der Republik Deutschland miteinander, stellt sich heraus, dass die Kontaktzahlen je Region weit auseinander gehen. Baden-Württemberg sowie Schleswig-Holstein weisen mit 6,9 Behandlungsfällen die geringste Frequenz auf. Sachsens Bürger frequentieren dagegen mit 15,8 Kontakten wesentlich häufiger ihre Ärzte. Die höchste Arztkontaktzahl mit 19,5 pro Kopf findet sich im Saarland.
Die Deutschen im globalen Vergleich
Internationale Daten und Zahlen über die Häufigkeit von Arztkontakten liefern die Studien der Cooperation and Developement (OECD). Allerdings ist der internationale Vergleich mit Vorsicht zu genießen. Aufgrund von nationalen Besonderheiten bei der Datenerhebung ist er nicht 100-prozentig verlässlich. Während bei manchen Ländern sämtliche Arztbesuche gezählt werden, ergeben sich die Daten bei anderen Ländern aus Umfrageergebnissen. Für Deutschland wiederum ergibt sich die Zahl aus den Abrechnungsfällen der GKV.
Den aktuellsten Angaben (Stand: Oktober 2008) der OECD nach, lag der jährliche Behandlungsfall pro Bürger in den Jahren 2005/06 zwischen 2,8 in Schweden und 13,7 in Japan. Die Angaben über Deutschland wurde von der OECD seit 2004 nicht mehr aktualisiert und sind mit einem Wert von 7,0 Behandlungsfällen pro Person aufgeführt. Der Wert ergibt sich ausschließlich aus Angaben zu ambulanten Behandlungsfällen. Deutschland liegt somit weltweit im oberen Feld der Arztkonsultanten. Die zur Verfügung gestellten Daten fassen den Arztkontakt eines Patienten innerhalb eines Quartals zu einem Behandlungsfall zusammen. Den Ergebnissen der OECD zufolge finden pro Behandlungsfall durchschnittlich 2,5 Arztkontakte statt. Demnach muss die angegebene Zahl um den Faktor 2,5 multipliziert werden. Laut der GEK ergibt sich für Deutschland ein Wert, der weitgehend den aktuellen Studien von 17,7 Kontakten pro Kopf entspricht.
Fehlende Statistik zu der Häufigkeit von Arztkontakten
Bei all den hier aufgeführten Daten und Zahlen muss berücksichtigt werden, dass es keine regelmäßig erhobene Statistik zu der Häufigkeit von Arztkontakten gibt. Während die Auswertung der GEK-Daten einen Anstieg des Ärztekontaktes pro Person auf 17,7 Mal ergab, ermittelte eine Analyse von Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) für den Zeitraum 1995 bis 2004, dass die durchschnittliche Anzahl von Arztkontakten pro Person und Quartal im Trend der letzten zehn Jahre eher rückläufig seien. Den Daten der SOEP zufolge ist ein Abfall von 3,2 Kontakten pro Person des Jahres 1995 auf 2,5 im Jahr 2004 nachzuweisen. Der starke Rückgang von 2003 auf 2004 dürfte auch auf die Einführung der Praxisgebühr zurückzuführen sein. Weitere Zahlen der SOEP zeigen in den Jahren ab 2004 wieder einen Anstieg der Arztkontakte
Gründe für die häufigen Arztbesuche
Durch die Einführung der Praxisgebühr von 10 Euro sollte langfristig erreicht werden, dass die Deutschen seltener zum Arzt zu gehen. Was im ersten Jahr noch Erfolg zeigte, hat langfristig jedoch nichts geändert. Nachdem sich die Bürger an die neue Gebühr gewöhnt hatten, stieg die Zahl der Arztkontakte wieder an. Laut GEK wuchs von 2004 bis 2007 die Zahl der Kontakte um 8,4 Prozent. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist der Grund nicht in der Morbidität der Deutschen zusehen, sondern in der organisatorischen und ökonomischen Struktur des deutschen Gesundheitssystems. Ein großer Teil der Arztkontakte entsteht demnach beispielsweise durch Wiedereinbestellungen oder durch Überweisungen von Patienten. Dadurch sind sowohl die Zahl der Behandlungsfälle, als auch die Zahl der Leistungen, die beim einzelnen Behandlungsfall erbracht wurden stark gestiegen. Diese Entwicklungen sollen laut bpb unter Kontrolle gebracht werden, indem die Anreize zur Leistungsausweitung im Vergütungssystem eingedämmt werden. Ein weiterer Grund für die hohe Inanspruchnahme könnte darin liegen, dass deutsche Patienten einfacher und kostenfreier Zugang zur ärztlichen Versorgung haben, als in vielen Nachbarländern.
Autor: Kerstin Kirchner
Quelle:
https://www.gek.de/x-medien/dateien/magazine/GEK-Report-Ambulant-Aerztliche-Versorgung-2008.pdf
http://diwecon.de/de/downloads/20090721_Gesundheit/20090721_annex_IGES.pdf
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnittsveroeffentlichungen/Datenreport/Downloads/Datenreport2008Gesundheit,property=file.pdf
http://www.bpb.de/themen/WZDR7I,0,Gesundheitspolitik_Lernobjekt.html?lt=AAB383&guid=AAB209#1