Erstellt am: 25.01.2006
Letzte Änderung am: 25.01.2006
"Oh, da danke ich Dir für die schönen Rosen", sagt die Tante, blickt kurz auf die Blumen und sagt, bevor sie in die Kamera lächelt, "zwölf Stück, welche Freude". In Windeseile einen Rosenstrauch gezählt, an sich nichts Besonderes. Oder doch? Es war der 102. Geburtstag von Tante Bertha, die in Fellbach bei Stuttgart immer noch in ihrem kleinen Häuschen wohnt, in dem sie schon seit Jahrzehnten lebt.Die Tante hält Hof an ihrem Geburtstag, genießt den Trubel aus Verwandten und Freundinnen, plaudert entspannt mit dem Bürgermeister, der sie eine Stunde besucht. Und findet auch Zeit für ein "Mensch ärgere Dich nicht", wobei sie sich keinen Augenblick darüber ärgert, dass die eine Freundin ab zu ein wenig mogelt.
Noch bis vor drei, vier Jahren ist die Religionslehrerin, die wie ich aus Lörrach stammt, sogar täglich zum Einkaufen in die nahen Geschäfte gelaufen! (Immer, sie fuhr nie Auto), hat Brot gekauft, war stundenlang im Buchladen anzutreffen. "Meine liebste Kundin", schwärmt die Buchhändlerin. Heute hat sie eine Hilfe, aber immer noch lässt sie es sich nicht nehmen, zu Fuß durch die Wohnung zu laufen und wenn sie draußen im Rollstuhl sitzt, sagt sie deutlich: "Da geht´s lang".
Sie wollen wissen, wie auch Sie ein biblisches Alter glücklich erreichen? Hier einige Wegmarken: "Von dem Garten zehre ich bis heute", erzählt sie mir. In dem Garten hinter dem Haus hat sie bis vor kurzem ihr Gemüse angebaut, ihre Kräuter gehabt. Und sie hat jeden Tag selbst gekocht. Gesund gegessen hat sie und auch der Seele Nahrung gegeben. Täglich in der Bibel gelesen, immer wieder wunderbare Gedichte für Nichten und Neffen verfasst - und sie auch selbst vorgetragen. Total vergeistigt, also? Nein, täglich hat sie die "Stuttgarter Zeitung" gelesen, wusste Bescheid, was passiert. Aber ihr Elixier war die Musik. Bis ins 98. Lebensjahr begleitete sie in der evangelischen Gemeinde die Choräle auf dem Klavier, und mit unermüdlicher Geduld spielte sie mit den Geübten, aber auch den weniger Geübten Hausmusik.
Ein freudiges Ritual war der sonntägliche Kirchgang für die Tante, die nie groß aus Fellbach herausgekommen ist. Und wenn, dann waren es Festtage für sie, an die sie sich jahrelang erinnerte. Einmal hatte ich sie an Weihnachten mit ins heimische Markgräflerland genommen. Es war ein schöner Winterabend mit prächtigem Sonnenuntergang. "Weißt Du noch, wie damals die Sonne so schön untergegangen ist", erzählte sie mir immer wieder.
Drei Sätze sind es, die sie immer wieder sagt: "Isch des schön" und "Es geht mir scho wieder e bissle besser" und "Ich habe eine große Freude". Es ist dieses Ruhen in sich, das ihr die Kraft gibt. "Ein wenig sind´s die Gene", meint ihr Arzt, "aber das meiste kommt von Innen". Natürlich kam im hohen Alter auch mal der Zucker. Zuerst mit Insulin behandelt, merkte der kluge Arzt, dass Tante Bertha, von der ich das wunderbare Buch "Nutze die Heilkraft unserer Nahrung" habe, es auch so hinkriegt. Sind die Werte ein wenig zu hoch, wird mal ein Dessert weggelassen, der Honig gestrichen und schon geht´s wieder - der Alterszucker als freundlich mahnender Begleiter des Alters.
"Lass nichts Böses in deinen Gedanken sein", sagt Konfuzius. Der praktische Arzt aus dem Schwäbischen sagt´s etwas pragmatischer: "Nörgler werden nicht alt".
Autor: Hans Lauber
Quelle: www.lauber-methode.de